02.11.2009

Franz-Werfel-Menschenrechtspreis für Herta Müller




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In ihrer Rede anlässlich der Preisverleihung sprach Herta Müller über die zahllosen Verleumdungskampagnen, denen sie sich immer wieder ausgesetzt sah – und darüber, wie die Evangelische Kirche ihr vor 20 Jahren aus purem Opportunismus kurzerhand den Stuhl vor die Tür setzte...

Siehe dazu: Börsenblatt

Die Kirchen zwischen Unterordnung und Anpassungsdruck


(Auszug)

»(...) Bezeichnend in diesem Zusammenhang war 1989 auch der Druck der siebenbürgisch-deutschen Evangelischen Kirche auf die Organisatoren des Kirchentags in West-Berlin, als die beiden kritischen rumäniendeutschen Autoren, Herta Müller und Richard Wagner als Vortragsgäste ausgeladen wurden. Im Namen des damaligen evangelischen Bischofs Albert Klein, der sich im Sinne der heuchlerischen Ceauşescu-Politik auch gegen die Auswanderung der deutschen Minderheit geäußert hatte, erreichte die Organisatoren des Kirchentags eine "Tonbandnachschrift eines Telefongesprächs mit Bischofsvikar Prof. Dr. Christoph Klein" aus Sibiu/Hermannstadt (datiert: 16.03.1989), das an den evangelischen deutschen Bischof Heubach gerichtet war:

"Lieber Bruder Heubach,
Dekan Hermann Pitters und Hauptanwalt H.G. Binder haben uns beunruhigende Nachrichten über das Programm des Evangelischen Kirchentages gebracht. Danach ist ein Forum Rumänien geplant, in dessen Rahmen u.a. Pfarrer Helmut Jehle als Referent vorgesehen ist, neben ihm aber auch Richard Wagner. An der Podiumsdiskussion sollen neben anderen Bischof Heubach und Bischof Harmati, aber auch Herta Müller teilnehmen. Da das aus dem Banat ausgewanderte Ehepaar Wagner-Müller keinerlei Beziehungen zur christlichen Kirche zu erkennen gegeben hat, über die Medien aber durch schärfste Kritik der Verhältnisse in Rumänien weithin bekannt geworden ist, ist mit seiner Teilnahme an diesem Forum die Anprangerung Rumäniens vorauszusehen. Das wird von den ebenfalls zum Forum geladenen Vertretern der Rumänischen Botschaft als Einmischung in innere(!) Angelegenheiten Rumäniens bezeichnet und der EKD zur Last gelegt werden. Ein differenzierendes Denken, das zwischen Kirchentag und EKD in bezug auf die Verantwortung unterscheiden kann, gibt es in diesem Bereich nicht. Die Folge wäre aber, dass die Beziehungen unserer Kirche zur EKD schwer belastet und die weitere Zusammenarbeit in Frage gestellt wird. Nach eingehender Beratung sind wir, Landeskirchenkurator Hermannstädter, Bischofsvikar Dr. Christoph Klein, Hauptanwalt H.G. Binder und ich, zusammen mit Dekan Dr. Pitters und Prof. Dr. Paul Philippi zu folgendem einmütigen Ergebnis gekommen:
1. Sollten unsere Informationen zutreffen, bitten wir Dich im Einvernehmen mit allen zuständigen Stellen dahingehend zu wirken, dass die Leitung des Evangelischen Kirchentages ihren Beschluss zur Abhaltung eines Forum Rumänien überprüft.
2. Sollte dieser Beschluss nicht rückgängig gemacht werden können, bitten wir Dich und Pfarrer Jehle dringend, Euch am geplanten Forum nicht zu beteiligen. Euer gemeinsames Auftreten mit dem Ehepaar Wagner-Müller würde Euch, auch bei deutlicher Distanzierung, hier kompromittieren.
3. Wenn das Forum Rumänien vom Veranstaltungsplan nicht gestrichen wird, werden wir unsere beiden Delegierten nicht nach Berlin entsenden."

Der an die Organisatoren des Kirchentages geschickte Brief des damaligen rumänischen Botschafters in Bonn, Marcel Dinu, ist mehr als aufschlussreich für das Verhältnis Kirche und kommunistischer Staat einerseits und für den botmäßigen und manipulierwilligen Klerus andererseits:

"Hiermit bestätige ich den Empfang Ihres Schreibens vom 17. 02. 1989 über den 23. deutschen Evangelischen Kirchentag, der in West-Berlin vom 7. bis 11. Juni 1989 stattfinden soll, wodurch(!) Sie mich über die Absicht informieren, eine Abendveranstaltung zum Thema 'Das rumänische Zimmer im Europäischen Haus' organisieren zu lassen.
Ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihre Einladung zur Teilnahme an dieser Veranstaltung nicht Folge leisten kann und die Gründe dafür mache ich Ihnen in diesem Schreiben bekannt.
Ich bin davon überzeugt, dass es Ihnen bekannt ist, dass sowohl die rumänische orthodoxische(!) Kirche als auch die evangelische Kirche in Rumänien enge, traditionelle Beziehungen zu der evangelischen Kirche in der Bundesrepublik Deutschland haben. Im Rahmen dieser Beziehungen finden häufige Besuchswechsel und Gespräche zu verschiedenen theologischen Themen statt.
Jüngst hatte ich das Vergnügen in der rumänischen Botschaft die Vertreter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, den Präsidenten der Synode der EKD, den Herrn Dr. Jürgen Schmude (MdB) und andere Herren der Führung der EKD begrüßen zu können. Aus diesem Anlass haben wir offen und im Sinne des gegenseitigen Respekts zahlreiche Probleme des gemein[sam]en Interesses erörtert.
Ich hoffe, Sie werden damit einverstanden sein, dass diese Begegnung ein deutlicher Ausdruck unseres Wunsches war, einen ständigen Dialog mit den Vertretern der evangelischen Kirche und mit den Vertretern anderer Kulte in Ihrem Lande beizubehalten.
Aus dem Text Ihres Schreibens ersieht es sich deutlich(!), dass es(!) die vorgesehene Veranstaltung in West-Berlin nicht von dem Wunsch des Verstehens und Kennenlernens der rumänischen Wirklichkeiten, sondern, im Gegenteil, von dem Wunsch der Verleumdung meines Landes ausgeht.
Ein Beweis dafür ist die Teilnahme an dieser Veranstaltung einer Person, die uns durch ihre oft geäußerte, offengekündigte(!), feindselige, antirumänische Position sehr bekannt ist.
Noch dazu, kann die Art und Weise in der Sie das Thema Rumänien zu erörtern beabsichtigen, als ein Versuch der Einmischung in den(!) inneren Angelegenheiten meines Landes aufgefassen(!) werden und das kann man keinesfalls akzeptieren, gleich wer diesen Versuch macht.
Unter diesen Bedingungen habe ich Zweifel, dass die Veranstaltung in Berlin irgendwie zu einem gegenseitigen Kennenlernen, zu einer Annäherung zwischen unseren Ländern und Völkern beitragen könnte.
Ich bitte Sie, den Inhalt dieses Schreibens Herrn Dr. Dr. h.c. Helmut Simon, dem Präsidenten des deutschen Evangelischen Kirchentages und Herrn Generalsekretär Christian Krause zur Kenntnis zu bringen und ihnen auch meinen Wunsch auszurichten, dass ich sie persönlich kennenlernen und mit der Führung des Deutschen Evangelischen Kirchentages einen direkten Dialog haben möchte.
Ich hoffe, ein solcher Dialog wird zur Klarstellung vieler Problemen(!) des gemeinsamen Interesses beitragen, wenn er sich auf gegenseitigen Respekt und Ehre beruht(!). (...)«

Vollständiger Text in:



William Totok, "Die Kirchen zwischen Unterordnung und Anpassungsdruck", in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Nr. 1/1994, S.15-22, und in: Detlef W. Stein, William Totok (Hg.), Die Kirchen in Osteuropa im Kommunismus, Edition Südosteuropa-Forschungen III, OEZ Verlag, Berlin 2011, S. 7-33.

***

Kirchentag kuscht vor Ceauşescu
Rumänischer Botschafter und Bischof aus Siebenbürgen protestierten gegen Teilnahme der Schriftsteller Herta Müller und Richard Wagner an Veranstaltung des Kirchentages / Prompt wurde Wagner ausgeladen / Auf dem Podium sitzt jetzt Lukas Beckmann Von Petra Bornhöft

"Ach Gott, wir kriegen pausenlos Ratschläge, wen wir einladen sollen und wen nicht", sagt Dr.Carola Wolf, die Sprecherin des am Mittwoch in Berlin beginnenden evangelischen Kirchentages, "aber entscheiden tun wir immer selbst." So sind denn wohl himmlische Zufälle dafür verantwortlich, daß der bekannte Kritiker des rumänischen Regimes, der Schriftsteller Richard Wagner, am Freitag abend nicht auf dem Podium der Kirchentagsveranstaltung "Die rumänische Wohnung im europäischen Haus" sitzen darf. Er wurde ausgeladen. Das geschah, nachdem der rumänische Botschafter einen wütenden Brief geschrieben und Bischof Albert Klein aus Siebenbürgen bei anderen Oberhirten heftig gegen die "Einmischung in innere Angelegenheiten Rumäniens" interveniert hatten, wie aus verschiedenen der taz vorliegenden Dokumenten hervorgeht.
Es ist die einzige Veranstaltung, die im offiziellen Programm ohne Namen von Referenten oder Teilnehmern des anschließenden Podiumsgespräches angekündigt wird. Zu den eingeladenen Akteuren gehörten laut Liste vom 17.Februar 1989 neben dem Landesbischof Prof.Dr.Joachim Heubach und anderen auch das Ehepaar Herta Müller und Richard Wagner. Diese "beunruhigende Nachricht über das Programm" ereilte den mächtigen Bischof Albert Klein aus Siebenbürgen. Ein Mann, der aus seinen Beziehungen zu Bonn und seinem Respekt vor dem rumänischen Conducator (Führer) nie einen Hehl macht. Klein beriet sich mit anderen kirchlichen Funktionären des Balkanlandes. Das Ergebnis übermittelte er dem "lieben Bruder Heubach". Mit der Teilnahme des "aus dem Banat ausgewanderten Ehepaares Wagner-Müller" an dem Forum "ist die Anprangerung Rumäniens vorauszusehen". Schließlich seien die beiden "über die Medien (...) durch schärfste Kritik der Verhältnisse in Rumänien weithin bekannt geworden". Die "Verhältnisse" kümmern den Bischof und seine Mannen wenig. Er sorgt sich um die "Beziehungen unserer Kirche zur EKD" und die "weitere Zusammenarbeit", die durch die Teilnahme von Müller und Wagner "in Frage gestellt wird". Deshalb verlangte Klein von Bischof Heubach, "im Einvernehmen mit allen zuständigen Stellen dahingehend zu wirken, daß die Leitung des Evangelischen Kirchentages ihren Beschluß zur Abhaltung eines Forums Rumänien überprüft". Ebenfalls im März protestierte der rumänische Botschafter in Bonn, Marcel Dinu, gegen die geplante "Verleumdung meines Landes". Als "Beweis" nennt Dinu in seinem Brief "die Teilnahme an dieser Veranstaltung einer Person, die uns durch ihre oft geäußerte, offengekündigte, feindselige, antirumänische Position sehr bekannt ist". Der mit Schreibfehlern übersäte Text beinhaltet ferner den Vorwurf eines "Versuchs der Einmischung in die inneren Angelegenheiten meines Landes". Deshalb wies der Botschafter seine Einladung zurück. Die Kirchentagsleitung trotzte dem Druck. Doch Bischof Kleins Verweis auf die Banater Herkunft von Müller und Wagner muß den Organisatoren eingeleuchtet haben. Auf der Teilnehmerliste vom 3.Mai fehlt Richard Wagner.
Den Grund teilte Pressesprecherin Wolf dem Schriftsteller am gleichen Tag mit: "Wir haben (...) festgestellt, daß unter den Beteiligten zwei Banater, aber kein Siebenbürger ist. Aus mancherlei Gründen halten wir dies nicht für sehr gut. Deshalb bitten wir Sie um Ihr Verständnis, an Ihrer Stelle einen Siebenbürger zum Thema 'Minderheiten' gewinnen zu können." Das Verständnis fehlt Wagner. Auch die weiterhin geduldete Herta Müller lehnte dankend ab. Für sie sprang Lukas Beckmann von den Grünen ein, wie Wolf mitteilte.

aus: die tageszeitung (taz), vom 6.6. 1989


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Vom Kopfstand der Briefmarke

Von Richard Wagner



„Müller 1989 nicht ausgeladen“. So lautet jetzt die triumphierende Schlagzeile der EKD und ihres Kirchentags. Wahr ist, dass Herta Müller, als sie die Affäre unlängst, bei der Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises in der Paulskirche, ansprach, präziser hätte sein können. Wahr ist aber vor allem, dass die Schlagzeile das Problem nicht aus der Welt schafft. Es sei denn, Kirchentag und EKD geben sich mit der Einstellung des Verfahrens wegen Formfehlern zufrieden. Lösung ist das aber keine, jedenfalls nicht für die Öffentlichkeit. Deshalb nochmals zu einem beschämenden Vorgang von vor zwanzig Jahren und seinen Begleiterscheinungen, damals und heute.

In seinem Bericht vom 26.6. 1988 zitiert der Informant der Securitate „Matei“, ein Temeswarer Schauspieler und Pausenclown, einen seiner Kumpels aus Landshut, ein regional bekannter Landsmannschaftsluftikus, der dieses gesagt haben soll: Der Wagner spiele jetzt, nachdem er fünfzehn Jahre lang Parteijournalist gewesen sei, das Opfer, er aber wundere sich, dass man mir noch nicht das Maul gestopft habe, zumal mein Vater im Banat lebe.

Der IM-Bericht blieb nicht ohne Folgen. Die Securitate bemühte sich durchaus dem Wunsch des Landsmannschaftlers und seines allzu heiteren Boten nachzukommen. So heißt es in einem Maßnahmenplan vom 22.10.1988: Richard Wagners Vater solle dazu gebracht werden, seinem Sohn zu schreiben, und diesen zu bitten, nicht weiter die Situation seiner Eltern zu erschweren. Mit der Durchführung wird der Major Radu Tinu beauftragt.

In jenen Wochen, Anfang November 1988 muss es gewesen sein, erhielt ich tatsächlich eine Postkarte von meinem Vater. Darin heißt es : „Hier erzählt man sich so allerlei Gerüchte, wahre, und vielleicht auch unwahre, immerhin es macht uns Sorgen.“ Der Hintergrund? Helmuth Frauendorfer, Herta Müller, William Totok und ich bereiteten für den 15. November gemeinsam mit unseren Verbündeten von Amnesty, Böll-Stiftung und Helsinki-Komitee einen Aktionstag Rumänien vor. Am ausgewählten Stichtag jährte sich die Revolte der Arbeiter im siebenbürgischen Kronstadt, die von der Securitate brutal beendet wurde.

Der Text der väterlichen Postkarte befindet sich in rumänischer Übersetzung in meiner Securitate-Akte. Major Tinu hat, wie ich heute weiß, meine Eltern in Begleitung von IM-„Sanda“, einer Freundin von Herta Müller, besucht. „Sanda“, die nach unserer Ausreise, meinen Eltern in manchen Dingen des sozialistischen Mangelalltags behilflich sein wollte, und es auch war, stellte den Geheimdienstoffizier als ihren neuen Freund vor.

Die Postkarte meines Vaters erreichte mich in einem Umschlag, auf den eine kopfstehende Briefmarke geklebt worden war. Das entsprach einer Vereinbarung aus den frühen Jahren der „Aktionsgruppe“, unserer kleinen literarisch-politischen Vereinigung, die 1975 von der Securitate zerschlagen wurde: Wenn etwas nicht stimmte, und man es wegen der Briefzensur nicht mitteilen konnte, stellte man die Briefmarke auf den Kopf.

Ich war gewarnt.

Ungefähr zur gleichen Zeit erreichte mich in Berlin per Bundespost die Einladung zum Evangelischen Kirchentag. Herta Müller und ich sollten an einem Podium „Die rumänische Wohnung im europäischen Haus“ teilnehmen. Ich, mit dem Eingangsreferat „Minderheiten“. Das war vor allem wegen der sich zuspitzenden Problematik der Ungarn in Siebenbürgen ein hochsensibles Thema jener Jahre.

Wir sagten zu, weil es eine Gelegenheit war, auf die Zustände in der rumänischen Diktatur aufmerksam zu machen, und die Einladung wurde durch die Korrespondenz mit Frau Dr. Carola Wolf seitens des Kirchentags am 22.2.89 bestätigt. Der Sachverhalt blieb unverändert so, bis zum 23.5.1989. Ab diesem Datum war plötzlich alles anders. Warum? Es sind zwei Briefe, die den Ausschlag gaben. Zunächst der Brief des rumänischen Botschafters Marcel Dinu, in dem „die Teilnahme einer Person, die uns durch ihre oft geäußerte, offengekündigte (!), feindselige, antirumänische Position sehr bekannt ist“ nicht ganz stilsicher bemängelt wird. Laut Vermerk auf Seite eins des Briefes wurde dieser an Dr. Helmut Simon, den Präsidenten des Kirchentags, und an seinen Generalsekretär Christian Krause zur Kenntnis gegeben. Beide erinnern sich heute daran nicht. Marcel Dinu übrigens ist zur Zeit rumänischer Botschafter in Ägypten.

Wir kommen zum zweiten Brief, dem Brief aus dem siebenbürgischen Hermannstadt vom 9.3.1989.

In den wortreichen Erklärungen der letzten Tage von Bischof Christoph Klein und Paul Philippi von der Evangelischen Kirche in Siebenbürgen, fehlt der plausible Ausgangspunkt für die Intervention aus Hermannstadt beim Kirchentag. Es fehlt sozusagen der vorsprechende Major oder, wenn man so will, der neue Freund.

In dem uns in einer Abschrift vorliegenden Telefonat mit Bischof Heubach, dem Verbindungsmann der EKD zur siebenbürgischen Kirche, heißt es nur: „Dekan Hermann Pitters und Hauptanwalt HG Binder haben uns beunruhigende Nachrichten über das Programm des Evangelischen Kirchentags gebracht“. Woher kamen die beunruhigenden Nachrichten? Oder war es nur ein Gerücht, ein wahres oder auch nur ein unwahres, wie mein Vater in der anderen Sache schrieb? Das Bischofsschreiben aus Hermannstadt enthält Bemerkenswertes: „Da das aus dem Banat ausgewanderte Ehepaar Wagner-Müller keinerlei Beziehungen zur christlichen Kirche zu erkennen gegeben hat, über die Medien aber durch schärfste Kritik der Verhältnisse weithin bekannt geworden ist, ist mit seiner Teilnahme an diesem Forum die Anprangerung Rumäniens vorauszusehen“. Es endet mit dem Satz: „Wenn das Forum Rumänien vom Veranstaltungsplan nicht gestrichen wird, werden wir unsere beiden Delegierten nicht nach Berlin entsenden.“

Bischof Heubach war mir zu jenem Zeitpunkt als Diskussionspartner bereits in unangenehmer Erinnerung, Mit ihm saß ich am 23. November 1988 auf einem Podium des Evangelischen Bildungswerks Berlin. Das Thema des Abends: „Hunger, Kälte, Dorfzerstörung. Was ist los in Rumänien?“ Heubach widersprach mir und meinem ungarischen Kollegen Farkas vor allem in der Frage der Dorfzerstörung, einer der tückischen Maßnahmen des Regimes zur weiteren Enteignung und Verelendung der Landbevölkerung. Indem er eine Dorfzerstörung leugnete, die nicht zuletzt die Lebenswelt der Minderheiten infrage stellte, vertrat Heubach die offizielle Linie Bukarests.

Herta Müller und ich erhielten zu diesem Zeitpunkt Morddrohungen. Die Drohbriefe, die auch an unsere beiden Mitstreiter Frauendorfer und Totok gingen, stammten, wie man heute weiß, aus der Desinformationsabteilung der Securitate.

Ob nun Bischof Heubach keine Lust hatte, die Meinungsverschiedenheit mit mir nochmals auszutragen und in wie weit er die Unlust mit anderen Entscheidungsbefugten teilte, weiß man nicht. Heubach ist verstorben. Fakt ist und bleibt, egal, wie man es begründet, ich wurde vom Kirchentag ausgeladen. Die offizielle Version, damals und heute, hier in der Verlautbarung von Eleonore von Rothenhan, Vorstandsmitglied des Kirchenratspräsidiums, in der Frankfurter Rundschau vom 8.6.1989: Man habe auf Wunsch der Freunde in Siebenbürgen entschieden, dass bei der Veranstaltung nicht nur zwei katholische Banater zur Podiumsrunde zählen sollten, sondern auch ein evangelischer Vertreter der Siebenbürger Sachsen. Wer also sollte zuletzt an meiner Stelle auf dem Podium sitzen? Lukas Beckmann von der Böll-Stiftung. Ein Siebenbürger Sachse? Nein, ein Ostfriese.

Zurück zum Anfang. Auch jetzt in der Erklärung nach 20 Jahren, die durch Herta Müllers Anprangerung des Kirchenverhaltens erzwungen wurde, wird man in Hermannstadt nicht präziser: „Anfang März 1989“, so heißt es diesmal, „erreichten uns Nachrichten über ein geplantes Podium ‚Forum Rumänien’ am West-Berliner Kirchentag“. Nochmals: Woher kamen die Nachrichten? Benennt doch eure Zwangslage von damals., möchte man den Stellung nehmenden zurufen. Sie aber behaupten weiterhin, die Kirche habe ohne jeden Druck gehandelt. Ohne jeden Druck?

Gewiss, auch Kirchenleitungen geht es gelegentlich ums eigene Überleben. Das ist sogar notwendig. Dass es aber auch um mehr gehen konnte, gerade damals, beweisen, neben dem großen Beispiel der katholischen Kirche Polens, die Optionen der Regimekritiker in Rumänien, der orthodoxe Priester Calciu oder der reformierte Pastor Tökes, dessen aufrechter Sinn den Aufstand in Temeswar ausgelöst hat.

Weder ich, noch Herta Müller haben jemals gefordert, Klein und Philippi hätten Tökes zu sein. Sie aber haben von uns erwartet Klein zu sein. Und das wir das nicht waren und nicht sind, störte und stört sie mächtig. Nicht wegen uns, sondern wegen ihnen. Was EKD und Kirchentag anbelangt: Ihnen geht es vor allem darum, den Beweis zu erbringen, dass die spätere Nobelpreisträgerin nicht ausgeladen wurde. Als wäre das das Problem. Das Problem ist vielmehr das Verhalten des Kirchentags zu den Menschenrechten. Dass das Gottesgeschäft nicht von den Menschenrechtsangelegenheiten zu trennen ist, und schon längst nicht durch Diplomatie. Das Schlimmste aber bleibt, dass man in der Frage, auch nach zwanzig Jahren, das eigene Fehlverhalten nicht eingestehen will, nicht einmal in der bequemen Form des Irrtums.

Ich jedenfalls danke meinem verstorbenen Vater für die kopfstehende Briefmarke.

Dieser Text erschien in einer leicht veränderten Form in: Die Tagespost vom 17.11.09






Siehe auch:

Richard Wagner: Beiträge zur Hermannstädter Logik
 
William Totok: Din Bucuresti - Jurnal de corespondent - Tăcere şi după 20 de ani

William Totok: Biserica evanghelică din România răspunde criticilor