03.10.2009

Erste Begegnung mit der Securitate




Rückblende 1970

In meinem Buch „Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien", Junius Verlag, Hamburg 1988, versuchte ich aus der Perspektive eigener Erfahrungen mit dem Securitateapparat die mich betreffenden Ereignisse aus der Zeit von 1970 bis 1987 zu beschreiben. Teils stützte ich mich auf eigene Erinnerungen, teils auf Dokumente, die sich in meinem Besitz befanden.
Kurz nach meiner Entlassung aus der Haft, machte ich bereits 1976-77 erste Notizen, dann folgten Gedächtnisprotokolle und schließlich der Entwurf zu einer Schrift, der ich den Arbeitstitel "Projekt für eine intellektuelle Extermination. Dokumente der Strafsache 321/B/1975" gab. Einen Durchschlag hatte ich in einem sicheren Versteck untergebracht, das Original, das ich 1982 bearbeiten und fertigstellen wollte, fiel in die Hände der Securitate. Dies nach einer gut durchdachten Aktion, in der "Voicu" als Lockvogel die Hauptrolle spielte. Ahnungslos tappte ich damals in eine Falle. (Siehe das 2. Dokument, vom 25.12.1981, http://halbjahresschrift.blogspot.com/2009/08/operationen-der-securitate-1974-1981_10..html)
Eine ergänzte Fassung des Buches mit neuen Dokumenten und einigen Interviews (mit einem Mitglied der literarischen Expertenkommission, dem zuständigen Militärstaatsanwalt http://www.halbjahresschrift.homepage.t-online.de/radu1.htm#Burca und einem hochrangigen Securitateoffizier) ist in rumänischer Sprache unter dem Titel „Constrângerea memoriei. Însemnări, documente, amintiri", (Gedächtnisnötigung. Aufzeichnungen, Dokumente, Erinnerungen) Polirom Verlag, Iaşi 2001, erschienen.
Was in den beiden erwähnten Büchern steht, kann jetzt anhand der Securitateakten vervollständigt werden. Einige Namen von Securitateoffizieren, die ich seinerzeit nicht richtig verstanden habe, können jetzt korrigiert werden. Auch der Name des Securitateoffiziers, dem ich zum ersten Mal in meinem Leben 1970 leibhaftig begegnet bin. Als er sich vorstellte, glaubte ich, den Namen Topliceanu gehört zu haben. In Wirklichkeit hieß er jedoch Dobriceanu.
In meinen beiden oben erwähnten Büchern beschreibe ich die Umstände dieser Begegnung folgendermaßen:

„Wegen eines Briefes, den ich an einen ausländischen Radiosender geschrieben hatte, wurde ich während der Reifeprüfung zum ersten Mal zum Sicherheitsdienst zitiert. Ein gewisser Topliceanu [sic!] sagte während der Vernehmung kein einziges Wort über den wahren Grund meiner Vorladung. Da der Brief anonym abgeschickt worden war, aber vom Sicherheitsdienst auf der Post beschlagnahmt wurde (unter Verletzung der Bestimmungen der rumänischen Verfassung, die das Briefgeheimnis garantiert), musste der Täter anhand der Schriftproben identifiziert werden. Mir war klar, worum es eigentlich ging (...).
Im Herbst 1970 wurde ich erneut zum Sicherheitsdienst bestellt. Diesmal in die Zentrale nach Temeswar, offiziell als Kreisinspektorat Temesch des Innenministeriums bezeichnet, wo mich ein Hauptmann namens Dumitrescu etwa acht Stunden im Zusammenhang mit dem anonymen Brief verhörte. Erst nachdem ich ein schriftliches Geständnis abgelegt hatte, durfte ich wieder gehen. (...)
Am 22. Oktober bekam ich den Einberufungsbefehl. Nachdem ich meinen Militärdienst angetreten hatte, erschien Dumitrescu im Hause meiner Familie und beschlagnahmte meine Gedichte. Erst sechs Monate später gab er sie mir wieder zurück. [Um welche Gedichte es sich handelte, kann ich nicht sagen, weil ich zu jenem Zeitpunkt beim Militär war. Vielleicht befanden sich darunter auch jene ersten Versuche aus meiner Gymnasialzeit, die „Gruia" begutachtete und die in dem operativen Vorgang „Muzicologul" analysiert werden. - Anm. W.T.]
Während meiner Soldatenzeit in einer Artillerieeinheit in Baia Mare (in der Maramuresch) verhörte mich im Zusammenhang mit dem Brief mehrere Male ein als Artillerist verkleideter Securitate-Offizier. Ich musste mehrere schriftliche Geständnisse ablegen. Im Februar 1971 [eigentlich am 16. März 1971, wie ich jetzt den Akten entnehme - Anm. W.T.] kam es dann zu einer öffentlichen Verhandlung, zu der das ganze Regiment erscheinen musste. Nach einem vom Sicherheitsdienst ausgetüftelten Szenarium wurde ich als Staatsfeind 'entlarvt' und aus dem Verband der Kommunistischen Jugend (VKJ), dem ich seit 1965 angehörte, als politisch unzuverlässig ausgeschlossen."

(Vgl. Die Zwänge der Erinnerung, S. 61-62)

Wie umfassend die von der Securitate 1970 eingeleiteten Maßnahmen zur Identifizierung des Briefschreibers waren, konnte ich mir eigentlich gar nicht vorstellen. Nachdem die Securitate die Briefe - es waren nämlich zwei, vielleicht sogar auch mehrere - abgefangen hatte, wurde eine regelrechte Rasterfahndung eingeleitet, um den Autor zu entdecken. Die Fahndung schloss auch Verdächtige aus anderen Kreisen ein, die jeweiligen Securitatebezirksabteilungen wurden in Marsch gesetzt, es wurden Schriftproben eingesammelt und mit meinen Briefen verglichen. Als potentielle Urheber des Briefes, der an Radio Free Europe gerichtet war, verdächtigte man zuerst Studenten und Lehrkräfte meines Gymnasiums; es wurden Listen angefertigt und Mitglieder einer Rockgruppe unter die Lupe genommen.
Weitere Schriftproben wurden von zahlreichen Mitschülern gesammelt. Von mir hatte man zusätzlich zwei Hefte mit Klausurarbeiten aus der Schule mitgenommen, die sich in meiner Akte (dem ersten operativen Vorgang „Muzicologul") befinden.
Später dehnten sich die nachrichtendienstlichen Ermittlungen auch auf die damaligen Redaktionsmitglieder einer Studentenbeilage aus, die zusammen mit der „Neuen Banater Zeitung" vertrieben wurde.
Unter den Mitarbeitern dieser Studentenbeilage taucht auch zum ersten Mal „Voicu" auf, allerdings mit seinem Klarnamen.
Ursprünglich sollte alles mit einem Strafverfahren enden. Dazu kam es jedoch nicht. Im Rahmen einer nach stalinistischem Vorbild organisierten öffentlichen Entlarvungssitzung wurde ich aus dem kommunistischen Jugendverband ausgeschlossen. Während der vorangegangenen Verhöre wurde ich fotografiert, denn in einer Militärzeitung sollte als abschreckendes Beispiel eine Reportage über meinen Fall erscheinen.
Meines Wissens hat man letztlich auf eine publizistische Darstellung des Vorgangs verzichtet.
Der Fotograf des Regiments war ein Soldat, mit dem ich befreundet war. Er steckte mir damals zwei Fotos zu, die er entwickelt und ausgearbeitet hatte und die für das Blatt bestimmt waren. Auf diese Weise kam ich zu dem Foto, das in meinen oben erwähnten Büchern veröffentlicht ist. Darauf bin ich an einem Schreibtisch sitzend, zusammen mit dem Offizier zu sehen, der mich damals verhörte.
William Totok


























ACNSAS, I 210845, vol. 1, ff. 8-10